48h Neukölln – 3.- 5. Juli 2026

Artists: Erifyli Theofilou, Valia Lolidou
Performers: Konstantina Kapnopoulou, Sara Mitouali , Yiota Chamamtzoglou
„Der Mythos eines Mythos“ ist ein Projekt über Penelope, die Frau des Odysseus. Penelope gilt seit Jahrhunderten als zeitloses Symbol für Treue und Ausdauer. Traditionell wird sie als ideale Ehefrau dargestellt – als kluge Frau, die ihren Verstand ausschließlich dazu einsetzt, den Ruf ihres Mannes zu wahren. Während der langen Abwesenheit des Odysseus wehrt sie den Druck der Freier, sich erneut zu verheiraten, geschickt ab.
Aus einer zeitgenössischen feministischen Perspektive wird jedoch deutlich, dass Penelopes Mythos stets durch eine männlich geprägte Sichtweise erzählt wurde. Ob als Tochter ihres Vaters, Ehefrau ihres Mannes oder als Beute der Freier – Penelopes Identität und Eigenschaften wurden immer von anderen definiert. Ihre bekannte Routine, tagsüber zu weben und nachts ihre Arbeit wieder aufzutrennen, gilt seit langem als Inbegriff feministischer Symbolik. In der Penelope-Ausstellung hinterfragen wir jedoch, ob das Weben tatsächlich im Zentrum von Penelopes feministischer Identität stehen sollte.
Indem wir etablierte Interpretationen hinterfragen und die Geschichte aus einer neuen Perspektive betrachten, stellen wir die Idee in den Mittelpunkt, dass das Weben vor allem eine kluge Strategie war, um Zeit verstreichen zu lassen. Nach unserer Interpretation hat Penelope bereits Frieden und Erleichterung gefunden, indem sie akzeptiert hat, dass ihr Mann niemals zurückkehren wird. Was für sie nun zählt, ist, diese Taktik zu nutzen, um die Zeit zu ihrem Vorteil arbeiten zu lassen. Im Laufe der Jahre befreit sie sich von der Rolle der ewig wartenden Ehefrau, auch wenn sie durch ihr Älterwerden für die Freier an Attraktivität verliert. Doch was wäre, wenn Odysseus genau in dem Moment zurückkehren würde, in dem sie beginnt, ihre Freiheit zu ergreifen?
Durch das kuratorische Konzept von Penelope wird ihre Geschichte neu erzählt – diesmal vor dem komplexen, vielschichtigen Hintergrund von Neukölln. Die Ausstellung vereint verschiedene Medien und Materialien: Installationen, Textilkunst, Mixed-Media-Arbeiten, fotografische Arbeiten, Videoinstallationen und Performancekunst. Materialien mit hautähnlicher Beschaffenheit wie Latex, Silikon sowie genähte Textilien und Haare werden verwendet, um die Verwandlung und die Freiheit hervorzuheben, die Penelope im Laufe der Zeit erlangt.
Insbesondere Latex und Silikon wurden aufgrund ihrer Ähnlichkeit mit menschlicher Haut ausgewählt. Obwohl diese „Haut“ widerstandsfähig bleibt, ist sie keineswegs unveränderlich – sie altert, verändert sich und entwickelt sich weiter. Genau diese Veränderung steht im Zentrum ihrer feministischen Erfahrung und offenbart den Lauf der Zeit an ihrem Körper – einen Lauf, den sie aktiv begrüßt. Mit zunehmendem Alter distanziert sie sich von den Männern, die sie einst definierten, und wird für diejenigen unattraktiv, die ausschließlich jugendliche Haut und Schönheit schätzen.
Das Projekt wird neben Gemeinschaftswerken auch Einzelarbeiten verschiedener Künstlerinnen präsentieren, wobei der Schwerpunkt auf neuen Kreationen liegt. Die Schaffensphase endet mit einem gemeinsamen Werk namens „Penelope“, an dem alle beteiligten Künstlerinnen mitwirken werden. Dieses Werk wird aus einer großen Silikonplatte bestehen. Während der Produktion wird jede teilnehmende Künstlerin das Werk einen Tag lang bei sich tragen, es in ihren Alltag integrieren und sich damit durch das Neuköllner Stadtviertel bewegen, wodurch es nach und nach dauerhaft verändert wird.
Das Kunstwerk wird mit dem Alltag in Neukölln interagieren – sei es als Duschmatte, bei einem Besuch in der örtlichen Änderungsschneiderei oder eingeklemmt zwischen den U-Bahn-Türen am Hermannplatz. So fließt die Beschaffenheit des Viertels unmittelbar in das Werk ein. Dieser sich entwickelnde Prozess sowie die neue Identität, die das Kunstwerk dabei annimmt, werden mittels Polaroid-Fotografien dokumentiert. Die Spuren auf seiner „Haut“ werden zudem in einer Videoinstallation festgehalten, die die Geräusche alltäglicher Momente in Neukölln hervorhebt.
Das Projekt gipfelt in einer abschließenden Performance während der Finissage des Festivals, bei der die Haut in einem rituellen Kontext präsentiert wird. „The Myth of a Myth“ greift den Mythos von Penelope erneut auf und erzählt eine bekannte Geschichte aus einem anderen Blickwinkel – aus einer feministischen Perspektive, die das bereits Bekannte neu definiert. Es geht nicht um die Rückkehr zur Erinnerung an einen längst verlorenen Ehemann, sondern um die Wiedergeburt einer selbstbestimmten Penelope. Sie braucht Odysseus’ Rückkehr nicht mehr; sie sucht keinen Retter mehr. Sie ist bereit, ihr Leben allein weiterzuführen, die um sie herum errichteten Mauern einzureißen und in das Unbekannte der Außenwelt zu treten, um sich von ihr neu formen zu lassen.